Second Life - Ein Erfahrungsbericht aus Sicht einer Medienagentur

Anrüchige virtuelle Spielwiese oder seriöses Expansionsgelände für renommierte Firmen? Bei der Internet-3-D-Infrastruktur Second Life gehen die Meinungen weit auseinander. FH-Wedel-Absolvent und Leiter Art & Production der Cocomore AG, Nico Steffen Beck, berichtete über die Erfahrungen seines Unternehmens bei der Errichtung einer virtuellen Niederlassung. Cocomore ist eine Full-Service-Agentur mit den Schwerpunkten Dialogmarketing und Werbung mit Online-Fokus.

Seit Juni 2003 online, zählt Second Life laut eigener Statistik mittlerweile mehr als 9 Millionen Benutzer bzw. Bewohner. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass viele User sich mehrere Identitäten ("Avatare") angelegt haben, um mehr Gestaltungsspielraum zu haben. Ziel des Programms ist die Interaktion der Avatare, die Erschaffung von Objekten und die Navigation durch die virtuelle Welt. Mittlerweile haben sich thematisch gebundene Rollenspiel-Gemeinschaften gebildet, die nach ihren selbst entworfenen Regeln handeln.

In Second Life wird der reale Wirtschaftskreislauf imitiert, da die virtuelle Währung Lindendollar zirkuliert, die in reale US-Dollar umgetauscht werden kann (Kurs 266 zu 1) und börsenähnlichen Schwankungen unterliegt. Außerdem kann durch die Produktion und durch den Verkauf von Objekten Geld verdient werden. Namhafte Unternehmen nutzen Second Life für Publicity. So sind sowohl Adidas, BMW, Mercedes, IBM sowie Sony BMG vertreten. Der Computerkonzern IBM geht sogar soweit, seinen Mitarbeitern eine "guide line" für das richtige Benehmen an die Hand zu geben. Das Standardoutfit ist Anzug und Krawatte.

Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik zeigt steigendes Interesse an der neuen virtuellen Welt. Der französische Präsidentschaftswahlkampf zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal im Frühjahr 2007 spielte sich auch in Second Life ab. Weniger seriöse Inhalte sind ebenfalls präsent, wobei virtuelle Konzerte von U2 oder Wir sind Helden zu den unproblematischen zählen. Für ein Schmuddelimage sorgen die unzähligen Sexangebote, vor denen Minderjährige nicht geschützt sind.

Interessanterweise beteiligt sich auch die deutsche Presse an der virtuellen Plattform. Während Spiegel Online die Avatar-Dame "Sponto" alias Redakteur Christian Stöcker in Tagebuchform berichten lässt, publiziert Axel Springer seit gut einem Jahr eine virtuelle Boulevard-Zeitung, den "AvaStar". Stöcker über die Besonderheiten von Second Life: "In einem Chatroom passiert nichts außer getippter Kommunikation, in SL passiert viel mehr: Nonverbale Kommunikation, wirtschaftliche Transaktionen, nutzergenerierte Inhalte, Handeln und Erleben."

Die Cocomore AG legte sich ihren eigenen Strand mit einer Fläche von 1.600 qm an. Genau wie in der Realität mussten zunächst Terrain und Gebäude geplant und Zeichnungen angefertigt werden. Nach einer stillen Eröffnung zur Fertigstellung gab es am 12. Juli eine Ausstellung als erstes großes Event, zu der knapp 500 virtuelle Besucher kamen. "Größter Profit für uns ist ein umfangreiches Netzwerk, das während der Planung und Umsetzung des 'Cocomore Beach' entstanden ist", so Nico Steffen Beck.